Zuhören – die Kunst, sich der Welt zu öffnen“

Das neue Buch von Bernhard Pörksen, das bewegt

Zuhören - die Kunst, sich der Welt zu öffnen.

Mit „Zuhören – die Kunst, sich der Welt zu öffnen“ hat der Medienwissenschaftler und Tübinger Professor Bernhard Pörksen ein bemerkenswertes Buch geschrieben, das mich bewegt und inspiriert. Ab heute ist es im Handel erhältlich. Für Ungeduldige mein Fazit vorweg: Lesen. Wirken lassen. Zuhören.

Die Kunst des Zuhörens

Doch Vorsicht: Dieses Buch ist nichts für Eilige. Es verspricht keine schnellen Erfolge und keinen „perfekten Zuhör-Katechismus“ (O-Ton Pörksen). Stattdessen lädt es zu Nachdenklichkeit und Geduld ein. Pörksen geht der Kunst des Zuhörens mit persönlicher Überzeugung und Intensität auf den Grund. Dabei stellt er zentrale Fragen:

  • Warum hören wir nicht zu?
  • Wie kommt es, dass wir lebenswichtige Tatsachen überhören?
  • Was fördert echtes Zuhören?
  • Wie können wir uns den Perspektiven der Anderen nähern?
  • Wie können wir Offenheit (neu) lernen?

Mit diesen und anderen Fragen führt er uns behutsam, tastend und suchend durch die gesellschaftliche, politische und auch private Welt des Zuhörens. Das Buch gliedert sich in drei Kapitel:

1. Philosophie des Zuhörens
2. Praxis des Zuhörens
3. Politik des Zuhörens

Philosophie des Zuhörens – Vom Ich-Ohr zum Du-Ohr

Im ersten Kapitel teilt Pörksen seine persönliche „Tiefengeschichte“, die den Anstoß für dieses Buch lieferte. Eine Tiefengeschichte ist für ihn eine Art Matrix aus Erfahrung und Erlebnissen, die für das Zuhören besonders öffnet oder auch verschließt.

Diese Schilderungen an Erfahrungen und Erlebnissen, seine Beobachtungen und die philosophischen Überlegungen haben mich immer wieder zum Nachdenken angeregt. Besonders eindrücklich finde ich die Unterscheidung zwischen dem Ich-Ohr und dem Du-Ohr.

  • Das Ich-Ohr: Es steht für egozentrisches Zuhören, das nur das wahrnimmt, was ins eigene Weltbild passt. Alles Unbequeme und Unerwünschte wird ausgeblendet.
  • Das Du-Ohr: Es beschreibt ein nicht-egozentrisches Zuhören, das sich der Andersartigkeit öffnet. Dieses „echte“ Zuhören verlangt Geduld, Übung und den Mut, die eigene Perspektive zurückzustellen. Pörksen formuliert: „Erkenne das Andere als Anderes – in seiner Fremdheit, seiner Schönheit, seinem Schrecken.“

Pörksen unterscheidet beim Du-Ohr zwei Pfade:

  • Erster Pfad – Vom Verstehen zum Einverständnis: Hier entwickelt sich das Zuhören über das Verstehen (den Inhalt begreifen) zum Verständnis (den Perspektiven folgen können) bis hin zum Einverständnis (den Standpunkt gutheißen). Geschulte Personen werden hier den Dreiklang des Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun wiedererkennen.
  • Zweiter Pfad – Vom Verstehen ohne Verständnis und ohne Einverständnis: Der zweite Pfad öffnet uns für die Wirklichkeit anderer, ohne dass wir sie aufgrund anderer Werte und Entstellungen teilen oder gutheißen müssen. Zuhören heißt auch, klar und entschieden Grenzen zu setzen.

Praxis des Zuhörens – Geschichten, die bewegen

Im zweiten Kapitel zeigt Pörksen anhand facettenreicher Fallbeispiele, wie Zuhören gelingt – oder scheitert:

  • Odenwaldschule: Warum wurden die Stimmen der Betroffenen so lange überhört? Was oder wer verschaffte letztendlich doch Gehör?
  • Ukraine-Krieg: Wie verschaffte sich der ukrainische Präsident vor allem zu Anfang des Krieges Gehör in der westlichen Welt? Und wie kam es, dass sich in der russischen Bevölkerung Desinformation so schnell ausbreiten konnte?
  • Silicon Valley: Wie wurde aus der Idee eines hierarchielosen Netzwerks ein Kommunikationsmonopol?
  • Klimakrise: Wie erreicht man Menschen, die existenzbedrohende Fakten ignorieren? Welche neuen Wege des Gehörtwerdens könnte es geben?

Mit diesen Fallbeispielen verdeutlicht Pörksen umfassend und eindrucksvoll die gesellschaftliche und persönliche Bedeutung des Zuhörens. Sie zeigen, wie essenziell es ist, wirklich Gehör zu schenken und beleuchten zugleich die Hindernisse, die dies erschweren – etwa durch konkurrierende Agenden, unpassende Dramaturgie, persönliche Befindlichkeiten oder identitätsbezogene Fragestellungen. Die Beispiele bieten eine Fülle an Erkenntnissen und Denkanstößen.

Politik des Zuhörens – Konflikte und Fetischierung

Im letzten Kapitel beleuchtet Pörksen die Herausforderungen des Zuhörens in einer zunehmend von sozialen Medien geprägten Öffentlichkeit. Er spricht von der Sehnsucht vieler Menschen, nicht nur im privaten, sondern auch im öffentlichen Raum Gehör zu finden. Soziale Medien ermöglichen es zwar, zu Wort zu kommen, doch fühlen sich viele trotz allem nicht gehört.

Pörksen analysiert drei Konfliktlinien, die das Zuhören im öffentlichen Raum erschweren. Eine davon nennt er die „Programmierung der Ungeduld“: Die permanente Emotionalisierung, die Orientierung an Hypes und das „Stichflammen-Spektakel des Moments“ (O-Ton) machen es fast unmöglich, zuzuhören. Zuhören ist jedoch eine Beziehungs- und Kommunikationsqualität, die Fokus, Abwarten, Schweigen und suchendes Reden erfordert. Gleichzeitig warnt er vor der „Fetischierung“ des Zuhörens und vor „Fassaden-Zuhören“. Zuhören sei kein Allheilmittel.

Mein Resümee

Dieses Buch hat mich gepackt und bereichert – beruflich wie privat. Ich konnte es kaum aus der Hand legen. Es hat meinen Wissenshunger gestillt, mich aber auch tagelang umgetrieben: Ich habe andere und mich beim Zuhören beobachtet und immer wieder die Fragen gestellt: Was tue ich, um echtes Zuhören zu fördern? Und warum gelingt es mir manchmal nicht?

Pörksens persönlicher und fast schonungsloser Stil hat mich berührt. Es gibt keine Helden und keine einfachen Lösungen – nur die Kraft des Zuhörens. Seine Mischung aus wissenschaftlichen Erklärungen, persönlichen Erlebnissen und gesellschaftlichen Beobachtungen macht das Buch lebendig und anschaulich. Anfangs hat mich dieser Wechsel irritiert, doch dann fand ich ihn spannend und weckte meine Neugierde: Was kommt als Nächstes?

Das Buch ist ein Füllhorn. Jetzt, beim erneuten Durchblättern für diese Rezension, merke ich, wie gerne ich das Buch noch einmal lesen möchte, um keines der vielen Fundstücke zu verpassen.

Und auch meine zart-romantische Seite wurde im letzten Absatz des Buches – in der Danksagung – „gefüttert“: Pörksen teilt einen Rückblick auf seine Schulzeit. Ich fühlte mich in eine Zeitkapsel versetzt und Erinnerungen kamen hoch. Auch ich habe in meinem Leben einmal eine „richtige“ Entscheidung getroffen – und wünschte, ich könnte der Person so ein bedeutendes Buch widmen. Wenn das jetzt kein Cliffhanger ist!

Kleine Kritikpunkte

Ist das Buch perfekt? Natürlich nicht ganz. Manche Sätze waren mir einfach zu lang – ich verlor gelegentlich den Faden. Zudem sind einige Beschreibungen so drastisch, dass sie selbst mich mit meiner Erfahrung in Telefonseelsorge und Supervision schwer losließen. Hier hätte ich mir stellenweise mehr Zurückhaltung und behutsamere Formulierungen gewünscht.

Eine meiner „Tiefengeschichte“ des Zuhörens

Anfang Januar stehe ich an einer Berliner Kreuzung. Das Reißverschlussverfahren funktioniert nicht. Jeder will die kleinste Lücke nutzen. Beschleunigen. Weiterfahren. Diese Szene erinnert mich an viele Gesprächssituationen: Kaum jemand hält inne, viele drängen sich vor. Ergreifen sofort das Wort.

Ja, „echtes“ Zuhören braucht Zeit und Geduld und kann manchmal furchtbar anstrengend sein, das kenne ich natürlich selbst auch. Wir Menschen sind jedoch soziale Wesen und aufeinander angewiesen. Wir brauchen den Austausch: das Reden und vor allem das Zuhören.

Für mich kommt Pörksens Buch genau zur richtigen Zeit:

„Wirkliches Zuhören ist, so verstanden, gelebte Demokratie im Kleinen, Anerkennung und Akzeptanz von Verschiedenheit, Suche nach dem Verbinden, Klärung des Trennenden, gemeinschaftliche Erfindung einer Welt, die überhaupt erst im Miteinander-Reden und Einander-Zuhören entsteht.“ (O-Ton)

Ich wünsche diesem wichtigen Buch alle Ohren.

Falls Sie das Buch bestellen möchten:

Hanser Verlag GmbH & Co. KG, gebundene Ausgabe, 336 Seiten, ISBN-13: 978-3446281387

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